Jetzt wird es persönlich. Vielleicht sogar emotional. Gestern sah ich irgendwo beim Zappen, dass sich die Leute früher nur unter unschönen Gesichtspunkten an ihre Umwelt gewandt haben… Nun fällt es mir ein; ich glaube, es war Quarks & Co. … Umwelt gewandt haben. Also in emotionalen Dingen. Wenn sie es denn taten, dann meist per Sterbeanzeige. Das war laut Sendung eine der wenigen Möglichkeiten, seine inneren Gefühle nach außen hin bekannt zu machen. Bedeutet im Umkehrschluß, dass die einzige gesellschaftlich akzeptierte Emotion die Trauer war.
Freuen auf das Wochenende oder den nächsten Urlaub fiel flach. Höchsten am Geburtstag durfte man mal lautlachend den Kopf in den Nacken legen.
Nächste Stufe: Briefe an Dr. Sommer und ähnliches. Mein Mann bumst hier, meine Kinder klauen dort, ich liebe meine Tante usw. konnte man in Magazinen lesen. Aber anonym! Zwar ging es nun mehr zur Sache, aber es war immer noch höchst unpersönlich. Was sollen bloß die Nachbarn denken.
Zeitsprung. Wir wissen eh, worauf das nun hinausläuft.
2011. Facebook, iPhone, iPad, Apps, Google. Nichts ist mehr anonym. Alles ist persönlich und jeder weiß Bescheid. Wie es Dir geht. Wo Du gerade bist. Welchen Job Du hast. Welcher Kinder Du schon gezeugt hast. Wen Du im Moment Dein Schatzi nennst. Welches Dein Lieblingseis ist.
Nun meine Frage. Eigentlich eine rhetorische Frage.
Ist im Angesicht des Zeitgeistes nicht der beste Schritt ein Schritt zurück? Zurück in die Anonymität? Mysteriöses Getue um seine Vorlieben oder seinen Alltag? Oder wirkt man direkt so, als hätte man was zu verbergen? Ich glaube nicht. Mittlerweile haben Medien mit Sendungen wie der, die ich beim Zappen fand, schon soviel Angst und Gift gestreut, dass Leute, die ihre religiöse Ansicht bei Facebook eintragen, schon fast wie Geisteskranke wirken.
Ein Schritt zurück. Eine Aufforderung zur gewollten Kommunikation. Nicht zur ewig ungewollten Kommunikation! Denn natürlich ist es schön, dass Freund Nr. 304 heute Urlaub hat, aber eigentlich möchte ich lieber von Freundin Nr. 12 wissen, ob sie mit mir auf ein Konzert geht. Ich frage sie einfach. Zum Glück muss ich dafür keine Anzeige (mehr) schalten.